Verkehrswende als Herausforderung für ländliche Räume.

Als relativ dünn besiedeltes Flächenland ist Schleswig-Holstein eher ländlich geprägt. Daraus ergeben sich spezifische Anforderungen an die Mobilitätsentwicklung, die nur schwer mit anderen Regionen vergleichbar sind. Brauchen wir also eine eigene Verkehrswende, die auf ländliche Räume zugeschnitten ist?

Erfolg entscheidet sich auf dem Land

Der Erfolg der Verkehrswende in Schleswig-Holstein entscheidet sich auf dem Land

Der Fokus der Debatte um die Verkehrswende liegt derzeit auf den Städten und Ballungsräumen. Was dort funktioniert, muss nicht zwangsläufig auch auf dem Land funktionieren. Nur wenn es gelingt, überzeugende Lösungen für ländliche Regionen zu entwickeln und umzusetzen, kann die Verkehrswende hierzulande ein Erfolg werden.

Indikatoren:

"Mobilititätskonzepte müssen mit der Entwicklung der ländlichen Räume synchronisiert werden, beispielsweise was die Erreichbarkeit von Ärzten (wo gibt es noch Praxen?), Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangeboten betrifft."

Zitat Studienteilnehmer

Die Verkehrswende in der Stadt ist in vollem Gange. Mal schneller, mal langsamer setzen sich neue Ideen und Ansätze durch. Mobilität wird flexibler, attraktiver und nachhaltiger. Aber gilt das auch auf dem Land? Wird es gelingen bis 2030 auch dort ein attraktives Mobilitätsangebot zu schaffen? Die Teilnehmer der Delphi-Studie sind in diesem Punkt gespalten. 35% denken, dass dies gelingen kann, 35% sind unentschieden und 30% sind pessimistisch.

Auch wenn die Verkehrswende für ländliche Räume potenziell mehr Chancen bietet, wird es nicht gelingen, bis 2030 ein attraktives und nachhaltiges Mobilitätsangebot in ländlichen Räumen zu realisieren.

Einigkeit besteht darüber, dass die Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen in Schleswig-Holstein zukünftig zunehmen werden. Die Chancen einer Verkehrswende auf dem Land werden angesichts dessen als durchaus hoch angesehen. So rechnen 57% damit, dass die Chancen der Verkehrswende gegenüber den Risiken überwiegen. 15% schätzen die Chancen als hoch ein. Gerade weil die Herausforderungen auf dem Land größer sind, kann die Verkehrswende vor allem dort zu einem Erfolgsmodell werden.

Wirkungen der Verkehrswende auf Unterschiede Stadt und Land

Chancen und Risiken der Verkehrswende in abgelegenen ländlichen Regionen


Auf Bedürfnisse zugeschnitten

Schleswig-Holstein braucht eine Verkehrswende, die auf die spezifischen Bedürfnisse unserer Region zugeschnitten ist

Schleswig-Holstein ist ein Flächenland mit relativ geringer Bevölkerungsdichte. Hier sind die Herausforderungen an eine zukunftsfähige Mobilität andere als in den Ballungsräumen. Lösungsansätze und Konzepte sind häufig nur unzureichend auf die Bedarfssituation ländlicher Räume zugeschnitten. Ländliche Räume brauchen daher eine eigene Verkehrswende, die auf eigenständige Mobilitätslösungen setzt und in der Lage ist, die Mobilitätsversorgung auf dem Land spürbar zu verbessern.

"Wir haben heute die Möglichkeit, die Verkehrswende aktiv zu gestalten, vorweg zu gehen und neue Lösungen als Vorreiter umzusetzen. Das ist eine große Chance für den Wirtschafts- und Lebensraum Schleswig-Holstein. Auf geht´s, morgen tun es andere."

Zitat Studienteilnehmer

Indikatoren:

Lösungsansätze anderer, eher urbaner Regionen sind nicht oder nur eingeschränkt auf die Situation in Schleswig-Holstein übertragbar. Das sehen auch die Studienteilnehmer so: 59% fordern eine eigenständige Verkehrswende für Schleswig-Holstein, die auf ländliche Regionen zugeschnitten ist.

Schleswig-Holstein braucht eine eigenständige Verkehrswende, die primär auf die Situation ländlicher Räume ausgerichtet ist.

"In 2030 befriedigt das selbstfahrende E-Carsharing-Fahrzeug jeden Mobilitätswunsch. Tüv, Tanken, Autowäsche und Parkplatzsuche werden zu Relikten des fossilen Zeitalters."

Zitat Studienteilnehmer

Eine Besonderheit ländlicher Mobilität: Während in Städten die Bedeutung eines eigenen Autos spürbar abnimmt, ist es auf dem Land mangels Alternativen der einzige Mobilitätsgarant der Bevölkerung. 53% der Studienteilnehmer gehen davon aus, dass bis 2030 das eigene Auto auf dem Land alternativlos sein wird. 59% sehen jedoch alternative Antriebe auf dem Vormarsch.

Bis 2030 werden auf dem Land keine funktionierenden Alternativen zum Auto exisitieren

Daraus lässt sich durchaus folgern, dass eine Verkehrswende auf dem Land mit dem Auto als primären Verkehrsträger realisiert werden muss. Anders sieht die Situation in der ländlichen Peripherie der Städte sowie im erweiterten Hamburger „Speckgürtel“ aus. Hier gehen 58% der Experten davon aus, dass die Dominanz des Autos bis 2030 überwunden wird. Lösungen liegen hier vor allem in einer besseren intermodalen Vernetzung von Verkehrsträgern, innovativen Sharing-Modellen aber auch einer Steigerung des Radverkehrs.

Alternativen zum motorisierten Individualverkehr: Plausibilität einer Ablösung des Autos als dominanten Verkehrsträger

Die Stadt der Zukunft gehört dem Rad- und Fußverkehr sowie dem ÖPNV. So lassen sich die Einschätzungen der Teilnehmer zu den Alternativen zum gegenwärtig dominierenden Motorisierten Individualverkehr (MIV) zusammenfassen. Eine Fokussierung auf Rad- und Fußverkehr ist für 77%, eine Stärkung des ÖPNV, für 69% eine zukunftsfähige Alternative.

Erhebliches Zukunftspotenzial steckt in Sharing-Lösungen, die sowohl kommerzieller und als auch gemeinwohlorientierter Natur sein können. Kommerzielle Sharing-Modelle sind für 47%, gemeinwohlorientierte Modelle für 71% der Experten eine Alternative zum Individualverkehr.

Alternativen zum Auto im innerstädtischen Raum: Mögliche Lösungen und Ansätze bis zum Jahr 2030 (Mehrfachnennungen waren möglich)


Entscheidender Entwicklungsfaktor

Die Verkehrswende ist der entscheidende Entwicklungsfaktor für die Zukunft ländlicher Regionen in Schleswig-Holstein

Die Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen nehmen stetig zu. Während Städte und deren Peripherie immer mehr Menschen anziehen, droht ländlichen Gegenden ein dramatischer Bevölkerungsrückgang. Damit ländliche Regionen sich demographisch und ökonomisch behaupten können, braucht es zeitgemäße und bedarfsgerechte Verkehrskonzepte, die eine zeitgemäße Mobilitätsversorgung sicherstellen. Gelingt dies nicht, wird sich der Bevölkerungsrückgang weiter beschleunigen.

Indikatoren:

Fehlende Mobilitätsangebote und eine mangelnde Anbindung treiben die Menschen in die Städte und Ballungsräume – eine Gefahr, die sich durch die Verkehrswende verschärfen könnte: 41% weisen auf Risiken der Verkehrswende für die Entwicklung ländlicher Regionen hin. Zugleich sind die Teilnehmer skeptisch, was die Realisierung der Verkehrswende auf dem Land angeht.

"Lassen Sie es uns mit gemeinsamen Zielen, Förderkulissen und konkreten Maßnahmenplänen angehen. Wo wollen wir für die Bürger hin? Wie erreichen wir das? Was ist uns dabei wichtig? Wer macht was?"

Zitat Studienteilnehmer

Die Verkehrswende sorgt dafür, dass ländliche Regionen im Vergleich zu den Städten wirtschaftlich und sozial weiter abgehängt werden und sich die Ungleichheit von Stadt und Land verschärft

Interessanterweise könnte ausgerechnet ein Nebeneffekt der Verkehrswende dafür sorgen, dass ländliche Räume von ihr profitieren. Denn mit der E-Mobilität steigt der Bedarf an sauberem Strom. Und hier haben ländliche Regionen als Stromproduzenten die Nase vorn. So gehen 73% der Befragten davon aus, dass sie als Produzenten von Strom aus Windkraft und Biomasse einen wichtigen Beitrag liefern, den steigenden Strombedarf nachhaltig zu decken. Wenn es gelingt, hier einen klugen Ausgleich zu schaffen, ließen sich die Risiken kompensieren.

Ländliche Regionen profitieren von der Verkehrswende, da sie in der Lage sind, die wachsende Nachfrage nach Ökostrom für eine flächendeckende Elektromobilität zu befriedigen.

Eine bessere Mobilitätsversorgung auf dem Land gehört klar zu den primären Zielen in Schleswig-Holstein. Zugleich befürchten 36% der befragten Experten, dass dieses Ziel nur mit einer Zunahme des Verkehrsaufkommens zu erreichen ist. Dieses Dilemma wird eine sinnvolle Verkehrswende auf dem Land zu lösen haben, etwa mit neuen Ideen, den öffentlichen Verkehr auf dem Land attraktiver zu machen, funktionierende Sharing-Angebote zu schaffen oder auch den (Fern-)Radverkehr zu entwickeln.

Nachhaltige Verkehrswende in Schleswig-Holstein: Wichtigste Ziele der Verkehrswende (ohne Reduktion von CO2). Mehrfachantworten möglich.

Die geforderte Verbesserung der Mobilitätsversorgung auf dem Land lässt sich nur mit einer Zunahme des Verkehrsaufkommens erkaufen